Im Jahr 2014 reiste ich für 10 Tage mit meinem besten Freund nach Marokko. 10 Tage, die sich wie ein Monat anfühlten.

Ein Kamel auf dem Marktplatz in Ravensburg am Tag unserer Abreise. In Marokko habe ich kein einziges gesehen.

Marrakesch unter uns. Angespannte Hosen im Flugzeug.

Im Jahr 2014 reiste ich mit meinem besten Freund nach Marokko, um das Land kennen zu lernen und zwei Freunde zu besuchen. Wir flogen im April von Deutschland nach Marakesch und fuhren dann in den Norden des Landes, in die Stadt Chefchauoen (Chef-Schaun), wo unsere Freunde leben. Ich möchte in diesem Reisebericht meine Eindrücke und Erlebnisse schildern und Sie als Leser inspirieren, das Land Marokko zu besuchen, falls Sie das noch nicht getan haben.

Die Beleuchtung im Flugzeug erlosch. Durch die Fensteröffnung strömte das Licht eines fernen Kontinents herein. Unten erstreckte sich Marrakesch in seiner ganzen Pracht. Mit jedem sinkenden Meter stieg meine Aufregung. Doch plötzlich schien auch die Maschine selbst nervös zu werden. Die Tragflächen flatterten wie die Flügel eines Kolibris. Die Landebahn kam näher, und ich sagte zu meinem Freund: “Wir sind angeko…” Bevor ich den Satz beenden konnte, drückte eine unerwartete Kraft mich abrupt in meinen Sitz. Die Turbinen heulten auf, und wir stiegen erneut in die Höhe. Der Kapitän meldete sich zu Wort: “Aufgrund starker Turbulenzen müssen wir die Landung abbrechen und einen erneuten Anflug versuchen.” Die Maschine geriet heftig ins Wanken. Die Tragflächen neigten sich fast 90 Grad zur Seite, die Flügel zappelten wie wild, und im Flugzeug begann es laut zu rumpeln.

Plötzlich erschütterte ein lauter Knall den Innenraum – mein Körper wurde schwerer, als würde er rasch nach oben geschleudert. Dann folgte ein weiterer Schlag – mein Körper fühlte sich plötzlich schwerelos an. Das Flugzeug wurde durch die starken Winde innerhalb von Sekunden mehrere Höhenmeter nach oben und wieder nach unten gedrückt. Die Passagiere schrien auf, bekamen Angst, dann breitete sich auf den Sitzen eine angespannte Stille aus.

Neben mir saß mein Freund. Er schwitzte und klammerte sich an seinen Sitz: “Victor, in all meinen Flugjahren habe ich so etwas noch nicht erlebt”, sagte er zu mir. Als ich meinen Freund ansah, bemerkte ich, wie stark er schwitzte. Langsam dämmerte mir, dass meine Aufregung und das Adrenalin wohl dafür sorgten, dass ich vermutlich der Einzige unter den Passagieren war, der diese Situation als ziemlich spannend und aufregend empfand.

Die Maschine wackelte heftig, je näher wir dem Flughafen kamen. Die Häuser vom ersten Landeanflug waren wieder zu sehen, aber der Wind drückte die Maschine zu weit von der Landebahn ab. Es war, als wolle uns etwas vom Landen abhalten. Der Pilot musste erneut abbrechen. Wieder drückte es uns in die Sitze. Mein Freund sagte, dass die Airline dafür bekannt sei, aus Kostengründen Sprit zu sparen, und dass wir keinen Treibstoff für einen anderen Flughafen hätten. Es war kaum zu fassen. So kurz vor dem Ziel? Da unten war Marokko, ich wollte das Land und die Menschen sehen.

Im dritten Landeanflug befanden sich die anderen Passagiere um uns herum in einer beängstigenden Ruhe. Die Hände meines Freundes krallten sich in die Armlehnen, der Schweiß rollte über sein verspanntes Gesicht. Alles schien sich in Zeitlupe zu bewegen. Ich spürte, dass ich etwas sagen musste. Also ergriff ich fest die Hand meines besten Freundes und flüsterte: “Ich muss dir etwas beichten.” Sein Kopf neigte sich zu mir, und flüsternd fragte er: “Ja, was ist das, Victor, das du mir sagen möchtest?” Ich sprach deutlich: “Du, dein Mitbewohner, war es nicht. Ich habe dein letztes Schnitzel gegessen, und es tut mir so leid.” Mein Freund begann zu lachen, und plötzlich quietschten die Reifen. Die Turbinen jubelten mit Gegenschub auf. Wir waren sicher in Marrakesch gelandet.

Diesen absurden Moment möchte ich aufklären. Einen Tag vor der Abreise hatten mein Freund, sein Mitbewohner und ich ein Abendessen. Am nächsten Tag, dem Abreisetag, waren noch Reste vom vorherigen Abend übrig. Kurz vor der Abfahrt zum Flughafen wollten wir die Überbleibsel verzehren. Leider konnte ich nicht widerstehen und aß nachts heimlich das letzte Schnitzel. Es muss frustrierend sein, wenn man im eigenen Kühlschrank nicht das vorfinden kann, worauf man sich freut. Entnervt fragte er mich, wo das letzte Schnitzel sei. Ich entgegnete: “Welches Schnitzel?” Mein Freund glaubte daraufhin, dass sein Mitbewohner es gewesen sei, da ich mich unwissend gab. In diesem Moment spürte ich, dass es nicht fair war. Auch wenn es nur um ein Schnitzel ging, hatte ich gelogen, und das in seinem Haus. Obwohl es dramatisch klingen mag, empfand ich ein Gefühl der Scham, da ich befürchtete, dass mich diese Lüge die gesamte Reise über begleiten würde. Und das war nicht angenehm.

 

Ich werde nie erfahren, was passiert wäre, wenn ich die Angelegenheit mit dem Schnitzel für mich behalten hätte. Dennoch war ich erleichtert, dass wir sicher gelandet waren. Es war das erste Mal, dass ich derartige Turbulenzen in der Luft erlebte. Die Landung nach einem turbulenten Anflug gepaart mit einer Beichte lösten ein unglaubliches Glücksgefühl in mir aus. Ich war froh, dass ich nun auf unserer gemeinsamen Reise durch das Land nicht dieses blöde Schnitzel im Hinterkopf mit mir herumtragen muss. Das hätte einen bitteren Beigeschmack hinterlassen.

Marrakesch

Der Eingang zu unserem Hostel.

Der Innenhof des Hostels. Platz gab es nur noch auf den Sofas in den Gängen. Aber selbst die waren wie für Könige gemacht.

Schneckenimbiss auf dem Place Jemaa el fna.

Die Fahrt vom Flughafen zum Hostel war von einem überwältigenden ersten Eindruck geprägt: warmes Klima, Palmen und das nächtliche Licht versetzten mich in großartige Stimmung. Nach der Ankunft in Marrakesch, das im Kontrast zum kalten und nassen Deutschland stand, war die Frage nach dem Schlafplatz für die Nacht präsent. Vor Ort wollten wir diese Frage klären, denn in Marrakesch gibt es zahlreiche Hostels.

Im Flugzeug hatten wir bereits eine andere Reisegruppe kennengelernt, mit der wir uns ein Taxi in die Stadt teilten. Das Taxi brachte uns zu einem Hostel in der Nähe der Medina, einem bedeutenden Platz, der als Herz oder Epizentrum der Stadt bezeichnet werden kann. Bei unserer Ankunft war es bereits spät, und leider waren alle Zimmer im Hostel belegt. Aufgrund der Uhrzeit und unserer müden Reise entschieden wir uns, den Hostelbesitzer zu überreden, dass wir eine Nacht lang auf den Sofas im Flur schlafen konnten. Dies erleichterte das Ankommen, und wir konnten uns gleich auf den Weg zur Medina machen.

Meine Gefühle überwältigten mich immer noch. Die Vielfalt der Menschen, die Architektur, die Gestaltung der Gebäude und die Graffiti unterschieden sich stark von dem, was ich aus Europa kannte. Mein Freund und ich strömten mit den Menschen zur Medina, wo es eine Vielzahl von Essensmöglichkeiten gab. Neben einer erwarteten Flasche Gin Tonic im Hostel hatten wir auch Hunger mitgebracht. Wir wollten jedoch abseits der Touristenströme essen, was sich in Marrakesch als schwierig erwies. Die Stadt war von Touristen überflutet.

Auf dem Weg zur Medina bewegten wir uns durch einen Strom von Menschen. Zwischen all den Eindrücken blieb die Zeit für einen Moment stehen. Ich sah eine Frau in Lumpen, die auf dem Boden hockte. Sie sah nicht gut aus. Die Menschenmengen umgingen sie wie Wasser um einen großen Stein, der in einem Fluss liegt. Sie schaute auf den Boden, und in ihrem Arm lag ein Baby, halb eingewickelt in einem Tuch. Die Haut war dunkelrot, als wäre es gerade erst geboren. Selbst das weiße Zeug, das Babys nach der Geburt auf der Haut haben, klebte am Kopf. Warum waren die beiden hier? Bettelte sie ums Überleben für ihr Baby? Warum gerade so? Ist das echt? Zuhause hätte ich sofort den Notruf alarmiert. Aber in Marokko? Von da an war meine kindische Begeisterung für ein fremdes Land verflogen, und ich war nun wirklich auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Marokko ist im Vergleich zu Deutschland kein reiches Land, aber dennoch beliebt bei Touristen. Gleichzeitig kann das Level an Armut, das ich kennengelernt habe, ganz anders sein. Aber egal, ob ich es in Marokko oder zu Hause erlebe, das Herz in mir schreit auf: Tu etwas! Vor allem, wenn Frauen und Kinder wegen der verdammten Kluft zwischen Arm und Reich leiden müssen.

Der Menschenstrom riss mich und meinen Freund fort. Reflexartig zog ich ein paar Euros aus der Hosentasche und betete, dass es etwas helfen würde. Beten, etwas, das ich normalerweise überhaupt nicht tue, aber der Drang war groß in diesem Moment, denn wir empfinden es als sehr schlimm, wenn Menschen in solchen Situationen leiden müssen.

An der Medina angekommen, gab es viele Möglichkeiten zum Essen, aber mein Appetit war verflogen. Am auffälligsten waren die Schneckenstände. Schnecken, dachte ich amüsiert, Austern für arme Leute? Mein Freund und ich probierten sie natürlich. Sie waren stark gewürzt mit Knoblauch, eher eine Attraktion als eine Mahlzeit. Wie viele Schnecken müsste ich auspulen, um satt zu werden? Und woher kommen so viele Schnecken?

In der Medina gab es neben den vielen Schneckenständen auch Zelte mit Bänken, an denen man essen und trinken konnte. Überall dampfte es. Die Sitzplätze waren voll, und es war schwierig, einen freien Tisch zu finden. Glücklicherweise hatten die Essenstände Bedienungen, die einen in fast allen Sprachen rufend dazu aufforderten, Platz zu nehmen, sobald etwas frei wurde. Die Bedienungen sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, und sogar Chinesisch hörten wir. Touristen aus Asien haben wir auf unserer Reise oft getroffen, was uns zwar etwas verwunderte, aber wir dachten nicht weiter darüber nach.

Das Essen und Trinken kamen schnell an den Tisch. Es war frisch zubereitet und lecker. Ich mochte die Gewürze. Nur die Gerüche waren seltsam. Ein Blick unter die Tische offenbarte Rinnen im Boden, und der Geruch war alles andere als appetitlich. Dennoch überdeckten die Düfte des Essens und der Raucher alles, auch den Schweißgeruch der Banknachbarn.

Wir saßen alle eng beieinander. Touristen über Touristen. Keine Einheimischen, außer den Ladenbetreibern, waren zu sehen. Wo essen die Bewohner von Marrakesch, fragten wir uns? Im selben Moment dachte ich an die Blicke, die Deutsche den Ausländern geben, wenn sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind und das ist zu großer Zahl, also überall. Jetzt bin ich schon so weit weg von zuhause und dennoch denke ich über die gleichen Probleme nach. Ist das die Globalisierung? Oder ist das der typisch deutsche in mir, der erst zufrieden ist, wenn es heißt: “Kann man nicht meckern”?

Über die freundliche Bedienung konnte ich auf jeden Fall nicht meckern, und Marrakesch wirkte mit seinen Lichtern und den Menschen reizvoll, doch es war eher ein Ort für Touristen. Auch wenn ich selbst ein Tourist bin und Tourismus eine Tür ins Land bedeutet, bin ich auch ein Romantiker. Zudem konnte ich nicht aufhören, an die Frau und ihr Baby zu denken. Auf unserem Tisch blieb viel Essen übrig. Bevor es in die Tonne ging, ließen wir es einpacken und kehrten zurück zum Hostel. Leider konnten wir die bettelnde Frau mit ihrem Baby nicht wiederfinden.

Im Hostel konnten wir uns auf das Dach zurückziehen. Es hatte eine hohe Mauer. Wir sahen nur den Himmel, der rot leuchtete. Der warme Wind legte sich wie ein gemütliches Tuch auf die Haut, und ich empfand eine große Dankbarkeit, mit meinem besten Freund in einem fernen Land zu sein und auf das Leben anstoßen zu können. Kann man nicht meckern.

BuuuHäääääää Aaahaammmm Buuuhäääm Aaaahammmm…was? wo bin ich? Was ist hier los? Ich konnte es kaum fassen. Meine Ohren, mein Kopf, alles dröhnte – und das nicht nur aufgrund des Fluges oder der Couch, auf der ich lag. Nein, es lag vor allem an der eindringlichen Wirkung der Tonanlagen, die mich um 4 Uhr morgens aus dem Schlaf rissen.

Der Weg nach Fes

Spazieren am Morgen durch die am Abend überfüllten Gassen von Marrakesch.

Ein Esel am Wegrand auf der Suche nach Essen. Er war so dünn.

Ein Mann fegt vor seinem Verkaufsstand. Die Katze pflegt ihr Fell.

Der Muezzin oder die Muezzine, es waren viele, rufen jeden Morgen zum Sonnenaufgang zum Gebet. Hätte ich das gewusst, hätte ich mich früher schlafen gelegt. Der Besitzer des Hostels stellte mir freundlich einen Kaffee zur Seite und begab sich zum Gebet. Mein Freund schlief noch. Mit Ohrstöpseln ausgerüstet, hatte er seine Ruhe, während ich Kaffee und Zeit hatte. Ich setzte mich mit einem Buch auf das Dach und genoss einen Anblick, den ich nie vergessen werde: den Sonnenaufgang in Marrakesch und die Rufe des Muezzin. Natürlich verstand ich kein Wort. Dennoch war ich froh wach zu sein, irgendwie. Das lag wohl an der ungewohnten Umgebung. Ich genoss den Moment mit frischer Luft, den Gebetsrufen, das Morgenlicht mit einem guten arabischen Kaffee. In einer gewohnten Umgebung ist es weniger angenehm aus dem Schlaf gerissen zu werden. Aber wenn man zum ersten Mal in einem fremden Land ist, dann gibt es viele Eindrücke zu sammeln.

Gegen 6 Uhr morgens packten wir unsere Sachen. Bevor wir uns auf dem Weg zu unserem Mietauto begaben, erkundeten wir noch die Gassen rund um die Medina von Marrakesch. Beim Frühstück waren wir die einzigen Touristen unter den Einheimischen. Das war schön, denn so kamen wir schnell ins Gespräch. Wir erkundeten uns über die Route nach unserem Zielort Chefchauoen. Wo sind interessante Stellen zum Anhalten, wo sollte nicht angehalten werden oder was gibt es zu sehen. Es war toll, mit fremden Menschen an einem Tisch zu sitzen und gemeinsam das Brot zu teilen. Es gab Linsensuppe mit frischen Kräutern. Die Menschen vor Ort sind sehr nett und helfen einem schnell weiter. Besonders gut gelingt das, wenn man nicht schüchtern ist.

Die Medina hatte sich im Vergleich zum Vortag um 180 Grad gedreht. Statt der vielen Essensstände waren plötzlich zahlreiche Kutschen mit Obst zu sehen. Das sah bereits von weitem köstlich aus. Aus einer der Kutschen winkte mir ein Mann zu und rief etwas auf Arabisch. Ich bin leider nicht schüchtern und winkte zurück und rief hallo. Das muss irgendwie ein Signal ausgelöst haben. Alle Besitzer der Kutschen begannen laut zu rufen und winkten mir. Einer der Verkäufer rannte auf uns zu und führte uns zu seinem Stand. Alle Menschen auf dem Platz guckten auf uns. Instant peinlich aber auch irgendwie lustig. Die Verkäufer in Marokko können sehr energisch sein, vor allem wenn man das Land außerhalb der Touristenzeit besucht. Aber davon könnten die Europäer noch lernen. Damit wieder Ruhe einkehrt, trank ich einen frischgepressten Orangensaft, begleitet von den beleidigten Blicken der anderen Verkäufer, zu denen ich nicht gegangen war. Ein guter Zeitpunkt, die Stadt zu verlassen.

Wir holten das Auto ab und fuhren Richtung Norden nach Fès. Ohne Navi, nur mit Karten navigierten wir über die Landstraßen. Wir sahen trockene Landschaften, die sich mit vereinzelten Hütten und Sträuchern abwechselten. Hier und da eine kleine Moschee mit ein paar Menschen. Die Autos und Lastwagen schienen aus einer anderen Zeit zu stammen. Die LKW gefielen mir, denn sie erinnerten mich an die alten Bud Spencer und Terrence Hill Filme. Die Trockenheit der Landschaft war erstaunlich. Trotzdem betrieben die Menschen Landwirtschaft. Länder wie Spanien, Frankreich und Deutschland werden auch immer trockener. Ich glaube, von der Landwirtschaft in Marokko können wir noch viel lernen, das uns helfen wird, die Felder feucht zu halten. Ab und zu machten wir Pausen, um sicherzustellen, dass wir noch auf dem richtigen Weg waren. Bei einem Stopp hielten wir an einem heruntergekommenen Laden an. Zwei Männer saßen vor dem Geschäft und luden uns an ihren Tisch ein. Sie fragten uns einfach, woher wir kamen und was wir hier machten. In ihrem Geschäft gab es Obst und Gemüse. Ich fragte die Männer, woher sie ihre Lebensmittel beziehen. Sie sagten von den Feldern in der Umgebung. Ich blickte mich um und sah nur trockenes Land mit ein paar Bäumen. Ohne die Bäume erklärten mir die Männer, könnten die Bauern keine Lebensmittel anbauen. Die Bäume bremsen den Wind, puffern das Wasser und spenden Schatten. Die Tiere können sich in der Mittagshitze ausruhen. Bäume sind für die Landwirtschaft essenziell. Ich dachte, was wir in Deutschland alles machen könnten, wenn wir gemeinsam mit den Bäumen wirtschaften könnten. Die beiden Männer waren sehr freundlich, auch wenn sie nicht viel haben. Sie luden uns zu einem Getränk und etwas Essen ein.

Ihrem Aussehen und dem Zustand des Ladens schätzte ich sie als den ärmeren Teil der Bevölkerung ein. Zuhause in Deutschland zähle ich auch zu den Ärmeren. Es gibt 240 Milliardäre und bestimmt über tausend Multimillionäre. Den Lebensstandard, den ich in Deutschland genießen kann, werden die beiden Männer nie erreichen. Aber genauso betrachte ich es nach oben. Den Lebensstandard, den ein Milliardär erleben kann, werde ich nie erreichen. Und ganz ehrlich, bei dem Geld, das die „Reichen“ machen, bin ich froh, in bescheidenen Verhältnissen zu leben und auf Sparflamme zu reisen. Sonst hätte ich nie diese wunderbaren Menschen kennengelernt, die ihr Wissen und Gastfreundschaft mit uns teilten.

Es war bereits dunkel geworden. Vor uns lag die mittelalterliche Stadt Fès in einem weiten Tal. Die Straßen waren leer und die Temperatur fiel plötzlich, es wurde kälter. Auf unserer Karte suchten wir nach dem Hostel Rainbow, fanden es aber nicht. Ein Auto hielt neben uns an und wir fragten den Fahrer nach dem Weg zum Hostel Rainbow.

Willkommen in Fés

Auf dem Weg zur alten Gerberei kann man schnell die Orientierung verlieren.

Wieder ein Esel am Wegesrand. Dieser hat eine Weglaufsperre. Die Spuren sitzen tief.

Eine Fußgängerbrücke.

Der Wüstensand färbt den Himmel über Fès rot.

Eine Gasse mit einem Markt.

Die alte Gerberei

Ein schöner Gemüsestand.

Einkaufen in Fès. Es gibt viel zu sehen. Aber keine Schlangen an den Kassen.

Ein Arbeiter in der Gerberei. Der Geruch ist schwer zu ertragen.

Seine Autotür schoss plötzlich auf und mit einer energischen Geste stieg ein riesiger Typ mit Sonnenbrille aus seinem Wagen. Er kam rauchend zu unserem Auto, lehnte sich in mein Fenster, musterte uns und zog an seiner Zigarette. Dann blies er seinen Rauch durch die Nase aus und begann mit tiefer, rauer Stimme zu sprechen: “Il n’y a pas d’auberge ‘Rainbow’ ici. Vous venez chez moi” (Hier gibt es kein Hostel Rainbow; ihr kommt mit zu mir). Mein Freund und ich begannen zu lachen – dieser Moment war einfach zu absurd. Auch der Fremde lachte. Wir nickten und lächelten. In Wirklichkeit hatten wir jedoch Angst – wir spürten deutlich, dass die Situation gefährlich werden könnte, wenn uns nicht schnell eine Idee käme, wie wir von diesem Typen wegkommen könnten. Mein Freund antwortete in einem übertriebenen Ton: “Je comprends” (ich verstehe) und trat aufs Gas. Es drückte mich sofort in den Sitz; im Rückspiegel erblickte ich eine aufgebrachte Figur, die ins Auto stieg. Kurz darauf klebte der Fremde an unserem Heck. Sein Auto war schnell und wäre die Situation nicht schon schlimm genug gewesen, gesellten sich von beiden Seiten weitere Fremde auf Rollern dazu. Der Fremde im Auto schrie etwas und sie begannen uns dann den Weg abzuschneiden. Zum Glück ist mein Freund einer der besten Fahrer der Welt. In einem anderen Leben wäre er bestimmt Rallyefahrer geworden. Geschickt lenkte mein Freund an den Rollern vorbei und schnitt ihnen den Weg ab. Wir waren die einzigen auf der Straße und schossen mit 100 Sachen am imposanten Torbogen vorbei der Stadt Fés vorbei. Durch die Kurven holten die Verfolger mit drohenden Gesten auf. Einer gelang es uns zu überholen, die anderen waren neben uns. Sie kamen näher und näher. Mein Freund schrie den Rollerfahrer auf seiner Seite an. An unserer Stoßstange klebte der Fremde in seinem Auto und blendete uns mit seinem Fernlicht. Wir wechselten Spur, links rechts., Der Fremde wechselte auch die Spur. Als für einen kurzen Moment niemand hinter uns klebte, quietschten unsere Reifen – mein Freund hatte die Handbremse gezogen.
Wir machten einen U-Turn und fuhren in eine sehr enge Gasse mit Stufen. Sie war so eng, dass wir unsere Türen nicht hätten öffnen können. An einer Gabelung bogen wir nach rechts ab und schalteten das Licht aus. Nach ein paar Metern kamen wir auf einen kleinen Platz. Dort standen glücklicherweise ein paar Autos. Wir konnten schnell zwischen den Autos parken und versteckten uns im Auto. Falls sie jetzt bemerken würden, würden sie uns haben. Das Knattern der Roller wurde immer lauter. Mein Puls raste. Ein Roller schoss vorbei, dann ein zweiter. Wo war der dritte Roller? Der Fremde mit seinem Auto hatte sich anscheinend nicht in diese Gasse getraut. Dem Klang in der Umgebung zu urteilen, hatten sich offenbar unsere Verfolger aufgeteilt. Nach einer kurzen Weile verschwanden sie. Wir beschlossen uns zu Fuß zu orientieren, wo wir uns befanden. Wenn wir mit dem Auto weiterfahren würden, riskierten wir entdeckt zu werden. Also stiegen wir aus unserem Auto aus. Auf der anderen Seite unseres Autos befand sich ein großer Müllberg. Notfalls planten wir, schnell hineinzuspringen, falls die Verfolger zurückkehren sollten.
Doch plötzlich begann der Müllberg selbst zu rascheln. Etwas hob sich – es war ein kleiner Mann mit langem Bart und in Lumpen gekleidet. Er kam auf uns zu und streckte seine Hand aus. Wir gaben ihm ein paar Münzen. Wir wussten nicht warum, aber er schien freundlicher als die verrückten Verfolger zu sein. Vielleicht passte er auf unser Auto auf. Wir fragten nach dem Weg zur Medina und der kleine Mann machte mit seiner Hand eine Geste nach links und verschwand wieder in seinem Berg aus Müll.
Wir gingen den Weg, den uns der Mann wies und kamen zu einem großen Platz mit einem Geschäft, in dem noch Licht brannte. Es war ein Kiosk, an dem noch vier Personen standen. Zum Glück waren es nicht die Verfolger. Doch plötzlich schallte es von der anderen Seite des Platzes. Da war er wieder, der Fremde – er kam wütend auf uns zu gestampft. Ich schaute zu den Leuten am Kiosk rüber und winkte mit beiden Armen und sagte: „aider“ (helfen). Der Fremde baute sich neben meinem Freund auf und sprach wütend in Arabisch auf ihn ein. Ich stellte mich neben den Fremden und machte mich bereit ihn K.O. zu schlagen. Ich hatte große Angst aber ballte meine Faust. Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter und eine Person sprach: „Masa Alkhayr“ (Guten Abend). Es waren die vier Menschen vom Kiosk. Wie sind die so schnell hinter uns gekommen, dachte ich mir?
Die Fremden wechselten ein paar Sätze. Mein Freund und ich guckten uns an, überlegten, ob wir wegrennen sollten. Der Fremde nahm seine Sonnenbrille ab und wir sahen seine Augen. Sie waren gelb-rot. Mit Sonnenbrille war es schon gruselig genug, aber ohne… uff! Stammelnd drehte sich unser fremder Verfolger ab und ging in Richtung Gasse zurück.
Die vier vom Kiosk fragten uns freundlich, ob alles okay sei. Sie sagten zu dem Fremden, dass wir Freunde seien und uns hier verabredet hätten – das war eine nette Notlüge. Wir erzählten ihnen, was passiert sei und wohin wir wollten. Sie lachten und sagten: „Witzig, wir wollen auch dahin. Wenn ihr uns mitnehmt, können wir euch den Weg zeigen“.
Die Gasse, in die der fremde Verfolger verschwunden war, begann ziemlich laut zu werden. Es war deutlich zu hören, dass sich viele Männer anschrien. Die freundlichen vier vom Kiosk sagten: „jala jala“ (schnell schnell) und wir gingen zügig zu unserem Auto zurück. Ich hatte immer noch große Angst. Ich dachte gleichzeitig an die vielen armen Menschen in Deutschland, die wegen Krieg, politischen Konflikten oder dem Klimawandel aus ihrer Heimat flüchten müssten.

Seit diesem Tag kann ich es teilweise besser nachvollziehen, wie es sich anfühlen muss, an einem fremden Ort zu sein und nicht zu wissen, was man tun soll – in einer Situation wie eben beschrieben.
Wir hatten zwar überlegt, die Polizei anzurufen. Aber wo eine Nummer finden, wenn nicht vorher irgendwo notiert? Auch hatten wir nicht die Zeit, die Polizei anzurufen oder zu suchen. Wir wollten nur weg aus der Situation. Und wie hätte ich die Situation und den Ort erklären sollen? Mein Freund musste fahren; ich behielt den Verfolger im Blick.
Bisher haben wir nur Menschen getroffen, die Arabisch, Spanisch oder Französisch sprechen. Alles Sprachen, wobei wir nur ein paar Wörter sprechen können. Nichts das ausreicht um die Polizei um Hilfe zu rufen. Wir gingen auch nicht davon aus, dass sie Englisch spricht. Multi-Kulti ist auch bei der Polizei in Deutschland keine Selbstverständlichkeit.
Der Weg zum Hostel war sehr ungewöhnlich. Jedoch zeigt das Erlebnis, dass wir Menschen uns gegenseitig helfen, wenn wir in Not sind. Unsere Retter stellten sich als Musiker vor. Durch die vier Mitfahrer und ihre Koffer war es sehr eng – immer noch besser als eine Verfolgungsjagd. Die Musiker kamen aus der Hauptstadt Rabat und hatten gerade ein Konzert in Fés gegeben, gleich um die Ecke, wo wir uns zum ersten Mal getroffen haben. Sie erklärten uns, dass Fés zu dieser Jahreszeit ein gefährlicher Ort für Touristen sein kann. Wenn wenig Besucher in die Stadt kommen, sind die Einheimischen “ausgehungert” und manche werden aggressiv. Ich erwiderte: Menschen, die zur Aggression neigen gibt es nicht bloß in Fés – sie gibt es überall.

Gleichzeitig dachte ich mir: Wären wir nicht auf den Verrückten getroffen hätten wir bestimmt noch länger nach dem Hostel gesucht. Endlich standen wir vor dem Hostel und ein Gefühl von Frieden kehrte ein; die Bedrohung schien hinter uns zu liegen. Ein großer Regenbogen zierte über der massiven blauen Tür mit imposanten Nieten. Es gab nur einen Bügel zum Klopfen; einer der Musiker klopfte dreimal ganz laut. Nach einer kurzen Wartezeit öffnete sich die Tür. Der erste Anblick: Ein riesiger Knüppel mit Nägeln so lang wie meine ausgestreckten Arme. Oh nein, dachte ich. Was kommt denn jetzt schon wieder? Ich will doch nur ins Bett. Es stellte sich heraus, dass der Besitzer des Hostels selbst war und auch seine Erfahrungen mit Kriminellen gemacht hatte. Der Mann betrachtete uns, wir lächelten mit großen Augen und zeigten unsere Reservierung. Nach einem kurzen Blick winkte er uns mit seinem Knüppel herein. Endlich konnte ich mich in ein Bett legen. Der Flug, die kurze Nacht in Marrakesch und die lange Fahrt nach Fés haben an meiner Kraft gezehrt. Im Haus schliefen bereits die anderen Gäste und ich wollte es ihnen gleichtun. Auf leisen Sohlen legte ich mich ins Bett und schloss mit einem erleichterten Seufzen die Augen. Wenig später knallte die Tür in unserem Zimmer auf und das Licht ging an, mit einem fröhlichen “So-Dell-Le, das war ein Tag” kam mein Freund herein. Ich versteckte mich unter der Decke. Er kicherte, weil er vergessen hatte, dass es sich um einen Gemeinschaftsraum handelte, in dem viele Menschen schlafen. Mein Freund bekam Sätze der Empörung von den anderen zu hören; dabei war er der Held des Abends gewesen – wenn sie wüssten, was wir durchgemacht haben. Mein Freund entschuldigte sich, flüsterte ein “psssst” und schaltete schnell das Licht wieder aus. Er ging zum letzten freien Bett und rief leise meinen Namen mehrmals. Ich wollte nicht antworten aber nach dem vierten “Victoooorrr” rief ich nur zurück: “Hier gibt’s kein Victor.” Mein Freund lachte und wünschte mir lieb Lela Saida – gute Nacht.
Nach so einem Tag kann man nicht mehr meckern!

Nach dem Frühstück am nächsten Tag erkundeten wir die Stadt, in der Hoffnung, nicht auf die Verrückten vom Vortag zu treffen, aber man sollte ja nicht nachtragend sein. Die Stadt Fés ist eine schöne Stadt zum Laufen. Die meisten Gebäude stammen noch aus dem Mittelalter und sind aus Stein. Die Gassen haben hohe Mauern und ich habe schnell die Orientierung verloren.

Beim Spazieren hörten wir Schläge von Hämmern und ein lautes Klappern. Die Gebäude waren nicht verschlossen und wir folgten dem Krach. Ein Schild “Betreten Verboten” gab es nicht. Das laute Klappern kam von den Webstühlen; in einem kleinen Raum sahen wir Menschen, meistens Frauen, die an den Webstühlen arbeiteten. Auf den Straßen gibt es viele offene Werkstätten für Metallbearbeitung mit Produkten wie Vasen, Kannen, Tellern und anderem Schnickschnack. Die Menschen machen das für einen geringen Lohn bis zur Erschöpfung; Touristen können ihnen beim Arbeiten zusehen, Fotos machen und etwas kaufen – schön finde ich das nicht. Möchten Sie den ganzen Tag in einem Betrieb sitzen, beobachtet von Menschen und wenig Geld verdienen? Aus dieser sozialen Misere gibt es nur schwer ein Entkommen; wer arm geboren wird bleibt meistens arm. Viele Touristen fotografierten die Arbeiter – mir gefiel das nicht.

Dennoch waren die Menschen vor Ort sehr freundlich. Das wurde besonders deutlich an der großen Gerberei. Dort fragte uns ein Arbeiter, ob wir hineinkommen möchten. Die Gerberei ist eine große Anlage, die aus vielen kleinen, aber tiefen Becken besteht. In diesen Becken werden die Felle der Tiere zu Leder verarbeitet. Es ist eine höllische Arbeit – die Felle sind nass, schwer und durch die Chemikalien stinkt es furchtbar. Aber ich bin sehr dankbar, dass wir einen Einblick bekommen durften; es schien so, als kämen hier nicht oft Menschen hinein. Um die Anlage herum erhoben sich hohe Mauern und Gebäude mit Dachterrassen; in den Gebäuden wurden Lederwaren verkauft – Handwerkskunst zu erschwinglichen Preisen.

Von der Dachterrasse aus konnten man den Arbeitern beim Schuften zusehen und auch ich tat das – fühlte mich jedoch nicht wohl dabei. Als wir unten an den Becken standen, war mir unwohl bei dem Gedanken daran, von den Massen an Touristen beobachtet zu werden und ein Foto von der Szenerie zu machen. Das Gespräch mit den Arbeitern der Gerberei war schön, aber auch traurig; sie erzählten uns davon wie viel sie arbeiten müssen – Tag für Tag und Woche für Woche – und dass ihr Lohn vom Tourismus abhängig ist. Ich erzählte unsere Geschichte vom Vorabend und alle mussten lachen – das war schön: Wir standen zwischen den Becken und mussten laut lachen. Was wohl die Touristen auf den Terrassen gedacht haben?

Nach diesem kleinen Abstecher ging es zurück zum Auto und ich war froh, das wir Fés verlassen konnten. Chef Chaouen, das Ziel unserer Reise war nur noch einen halben Tag über die Landstraßen entfernt und bis dahin gab es noch viel zu sehen und zuerleben. Wir fuhren auf einer Straße aus Kies. Das war anstrengend, weil wir kangsam fahren mussten. Am Straßenrand warteten Menschen und hielten ihren Arm raus. Es waren Anhalter, von jung bis alt.

Der Weg nach Chef Chaouen

Unsere Wege führten über Landstraßen und an kleinen Dörfern vorbei.

Die Straßen waren eng und bestanden größtenteils aus Kies. Schnell ging es nicht vorwärts. Das störte uns nicht.

Eine Landschaft die an einen Windows 95 Hintergrund erinnnert.

Chefchaouen, das Ziel unserer Reise, lag nur noch einen halben Tag entfernt. Die Landstraßen dorthin bestanden aus Kies. Der weiche Untergrund war anstrengend zu befahren, aber das war in Ordnung. Wir hatten gute Musik dabei und die Straßen waren meistens leer. Zwischen den Dörfern gab es vereinzelte Hütten. Wie mag wohl das Leben in diesem Teil der Erde sein? Bestimmt ruhiger als in unseren Städten.

Bei einem Halt konnten wir eine Reiterparade beim Üben beobachten. Die Reiter trugen Gewänder und schossen mit alten Gewehren in die Luft. Die Leute freuten sich über unseren Besuch und fragten uns, wer wir sind und woher wir kommen. Wir waren die einzigen Touristen weit und breit. Ich fragte mich im selben Moment, was passieren würde, wenn zwei Touristen aus Marokko bei einem sächsischen Dorffest einen Halt machen würden? Leider gab es keine Zeit zum Verweilen, aber wir nahmen uns Zeit für Menschen am Wegesrand auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit.

Die meisten Mitfahrer waren ältere Menschen und Kinder – ein wenig befremdlich für mich, da ich gelernt hatte nicht bei Fremden einzusteigen; jetzt waren wir jedoch die Fremden und wurden von Passanten nach einer Mitfahrgelegenheit gefragt. Die Strecken von Dorf zu Dorf sind lang, aber wir verkürzten ihre Zeit. Die Kinder staunten mit großen Augen und lachten, als wir ihnen Schokolade schenkten – eine Geste aus Deutschland. Wer einem Kind einen schönen Moment schenkt hat die Welt ein Stück reicher gemacht.

Mein Lieblingsmoment auf dieser Strecke war eine ältere Dame. Sie stand am Straßenrand und hielt ihren Arm aus, an dem ein totes Huhn baumelte. In ihrer anderen Hand war ebenfalls ein totes Huhn. Wir hielten an, und die Dame ging gleich zu unserem Kofferraum und legte ihre toten Hühner zwischen unser Gepäck. Sie setzte sich zwischen beiden Jungs. Wir sprachen kein Wort, aber wir mussten alle im Auto lachen, weil wir den Moment so absurd fanden. Als wir beim nächsten Dorf ankamen, machte sie ein Zeichen zum Anhalten und wir hielten vor ihrem Haus an. Als sie ausstieg, fragte ich sie nach etwas auf unserer Karte, aber sie gab mir zu verstehen, dass sie nicht lesen kann. Sie ist der erste Mensch in meinem Leben gewesen, den ich getroffen habe und von dem ich wusste, dass er nicht lesen kann. Das tat mir sehr leid.Ich möchte mir gar nicht vorstellen was mir entgangen wäre wenn meine Oma mir keine Geschichten vorgelesen hätte.

Nach einer Weile wurde die Straße besser, und die trockene Landschaft verwandelte sich in Felder von grünen Bäumen. Die Luft wurde süßer und süßer. Vor uns erstreckte sich ein riesiges Gebiet von Orangenbäumen, und wir konnten viele Orangen für wenig Geld kaufen. Die restlichen Tage bis zum Abflug gab es größtenteils Orangen. Zum Glück mussten wir niemanden mehr mitnehmen, weil die Kisten mit Orangen kaum Platz zum Sitzen ließen. Dafür duftete es wunderbar im Auto.

Die Fahrt zog sich bis in den frühen Abend. Am Horizont tauchten die ersten großen Berge des Atlas auf. Chefchaouen liegt in einem Teil des Atlas, dem Rif-Gebirge. Übersetzt bedeutet der Name “Zwischen den Bergen”, und so bekam ich bereits vor der Ankunft ein Gefühl für die Stadt. Die Sonne bereitete sich bereits auf den Abend vor, die Schatten wurden länger und unsere Geduld kürzer. Nach jeder Kehre dachten wir, jetzt muss Chefchaouen kommen. Doch eine Felswand nach der anderen zog an unseren ungeduldigen Augen vorbei. Aber Berge sind besser als endlose Autobahnen mit Stau und schlechtem Wetter oder noch schlimmer, Baustellen mit Stau und schlechtem Wetter. Endlich öffnete sich ein Tal in wunderschönem Grün und Blau. Mit offenen Mündern blickten wir staunend auf die Stadt Chefchaouen und fuhren zu unserem Parkplatz bei der Altstadt, dem “Ras El Ma”. Dort könnte sich unser Auto für die nächsten Tage ausruhen bis zu unserer Abfahrt.

Chefchauoen ist eine Stadt zum Laufen und Treppen steigen. Durch die engen Gassen ist kein Platz für Autos. Die würden bloß das malerische Stadtbild zerstören. Vieles ist in Handarbeit entstanden. Die Fassaden sind rund, die Gänge geschwungen, die Häuser blau, die Türen verziert. In mir entstehen kindliche Gefühle des Staunens, wenn man durch die Stadt geht. Hinzu kommen die Einheimischen, die dich in Gespräche verwickeln.

Chef Chaouen, (endlich).

Gänse patrolieren am Straßenrand und mustern jeden, der vorbei kommt.

Ein Berber geht seinen Weg.

Das Waschhaus. Treffpunkt und sozialer Ausstausch für viele Frauen.

Das Waschhaus. Treffpunkt und sozialer Ausstausch für viele Frauen.

Das Waschhaus. Treffpunkt und sozialer Ausstausch für viele Frauen.

Das Waschhaus. Treffpunkt und sozialer Ausstausch für viele Frauen.

Das Waschhaus. Treffpunkt und sozialer Ausstausch für viele Frauen.

Die Anreise war lang und erschöpfend, aber das steigerte gleichzeitig die Vorfreude darauf, die Stadt zu erkunden. Und Chefchaouen lädt dazu ein. Die Stadt ist mehr als nur “Zwischen den Bergen”. Sie ist ein blauer Juwel zwischen den Bergen. Die Menschen sind sehr freundlich, und es gibt viele Jugendliche, die versuchen, einem etwas zu zeigen oder zu verkaufen. Mein Freund riet daher dazu, Schokolade zu kaufen, damit sie einen in Ruhe lassen. Und das funktionierte auch. Als wir bei unseren Freunden ankamen, waren bereits auch viele Kinder da. Unsere Freunde sind sehr gastfreundlich und die Kinder kommen gerne vorbei zum Lesen, Spielen oder Essen.

Die Gassen in der Stadt sind sehr eng, aber hell. Die meisten Wände haben einen einzigartigen Blauton. Vieles in Chefchaouen ist Handarbeit, von den rund geformten Fassaden über die geschwungenen Gänge bis zu den blau gestrichenen Häusern mit kunstvoll verzierten Türen. Beim Durchstreifen der Stadt entstehen kindliche Gefühle des Staunens, verstärkt durch die Einheimischen, die einen gerne zu einem Tee einladen und in Gespräche verwickeln.

An unserem Parkplatz entspringt ein Bergquell mitten aus der Felswand. Gleich neben dem Fluss steht ein Waschhaus, das zu seinen Seiten hin offen ist. Als wir zu unserer Unterkunft gingen, wuschte eine Gruppe von Frauen ihre Wäsche. Die Frauen in dem Waschhaus haben wie einst meine Großmutter große Hände. Als ich noch ein Kind war, erzählte mir meine Oma, dass es mal eine Zeit vor der Waschmaschine gab. Das konnte ich nicht nachvollziehen, bis eines Tages meine Waschmaschine ihren Geist aufgab. In der Wäschetrommel stand noch das Wasser. Ich beschloss das alte Waschbrett aus dem Keller zu holen. Meine Hände schmerzten nachdem ich die Wäsche mit dem Waschbrett bearbeitet hatte. Meine Oma machte das genauso wie die Frauen im Waschhaus jeden zweiten Tag.

Das Wiedersehen mit unseren Freunden war geprägt von großer Freude und es war sehr entspannend, dass wir uns bei ihnen ausruhen konnten, denn es gab sehr viel zu entdecken. Chefchaouen ist eine alte Hippiestadt; die 70er Jahre sollen angeblich den Höhepunkt der Stadt dargestellt haben. Damals hatten die Häuser noch keinen Anschluss für Wasser oder Abwasser, doch mit dem Zustrom an Besuchern wuchsen auch die Ansprüche. Die Besucher kamen wegen Konzerten und der Möglichkeit, Gras zu konsumieren, da es in der Region große Weed-Felder geben soll. Doch das Kiffen interessiert mich nicht; es hat sich zu sehr zu einer Pseudo-Modedroge entwickelt. Wir könnten genauso gut Tee hypen, das Ergebnis wäre dasselbe – nur dass wir mehr Wasser trinken statt Tabak zu konsumieren. Außerdem soll man Tabak nicht mit Gras mischen; das zerstört die Wirkung.

Chefchauoen ist wie Fés ein Labyrinth, nur leichter zu erkunden und nach ein paar Tagen kennt man jede Abkürzung. Die Gänge sind voll mit Geschäften für Schmuck, Möbel, Lebensmittel, Cafés, Gewürzen und Kleidung. Das Einkaufen in Marokko ist aber anders als in Deutschland. Hier ist es eine Sitte zu handeln, zu feilschen. Und das macht Spaß. Du willst eine schöne Jacke? Der Händler nennt dir einen Preis und du sagst: „besöf, besöf“, zu viel zu viel. Dann machst du einen Vorschlag, meistens etwas unter der Hälfte und der Verkäufer sagt: „La, la“, nein nein. Und so geht es hin und her. Ich konnte eine sehr schöne Jacke erwerben für die Hälfte des Preises den andere Touristen ausgegeben haben. Ich finde die Verkaufsgespräche in Chefchauoen lustig; sie machen Spaß und man lernt etwas über Marktwirtschaft. Nachts ist Chefchaouen noch spektakulärer als am Tag. Die blauen Wände schimmern violett, und es entsteht das Gefühl, dass die Wände sich bewegen. Das ist der Moment, in dem das Eintauchen in die Stadt wirklich beginnt. Es tritt eine spannende, mystische Atmosphäre ein, gepaart mit arabischer Musik und guten Gesprächen, in die man verwickelt wird. Der “Plaza Uta el Hamman” wird als der „Place to be“ bezeichnet, nicht nur wegen des guten Essens, sondern auch wegen der abendlichen Live-Musik. Der Platz ist auch ein guter Startpunkt für eine Wanderung. Es sind nur 433 Höhenmeter bis zur Spitze des Berges “Jbel el Kalâa”. Die Tour ist nicht anspruchsvoll, bietet aber eine malerische und stille Atmosphäre.

Die Sonnenuntergänge sind mystisch; die beeindruckende Aussicht wird durch die Gesänge der Muezzins begleitet. Selbst auf dem Gipfel sind sie noch zu hören. Dies ermöglichte mir für einen Moment von all den Konflikten in der Welt abzuschalten. In Chefchaouen kann man glücklicherweise weit weg sein, abschalten und viele herzliche Begegnungen mit den Einheimischen erleben. Als ich unsere Unterkunft für einen Spaziergang verließ, hörte ich bereits vor unserer Tür die schrillen Rufe einer Mutter: “Hasaaan, Haaaasaaaan.” Ich verließ unsere Unterkunft und stand plötzlich vor einem beeindruckenden Bild einer Mutter. Sie war fast so groß wie ich, kräftig, trug eine Schürze und erinnerte mich irgendwie an die Dame aus Tom und Jerry, die immer auf den Stuhl sprang, wenn Jerry seine Scherze trieb. Sie guckte mich an als ich aus dem Haus kam und ich musste gleich lächeln weil sie mich so streng ansah. Dann wandte sie ihren Blick ab in die Gasse. Erneut begann sie Hasan zu rufen doch es gab keine Reaktion von Hasan weit und breit. Die Mutter blickte mich mit einem verlegenen Lächeln an.

Was sage ich nur jetzt passendes dachte ich mir? Ich schaute in die Gasse in die sie Hasan gerufen hatte holte Luft und rief in einem lauten deutschen Ton: “Hasan.” Ich war von der Lautstärke sehr überrascht denn durch die Gassen der Stadt schallte der Name Hasan und von allen Seiten tauchten auf einmal zehn Hassans auf darunter auch ein kleiner Junge der unglaubwürdig mit offenem Mund angeschlurft kam. Alle schauten Hasans Mama an dachten sie hätte gerufen wütend sagte sie etwas zu ihrem Sohn aber es klang gleichzeitig witzig denn egal ob Deutschland oder Marokko alle Mütter reagieren genervt wenn das Kind nicht hört. Die Mama sagte mit einem schönen Lächeln “Schukran” (Danke) zu mir  währenddessen kam mein Freund aus unserer Unterkunft heraus fragte warum es im Haus den Namen Hasan geschallt hatte offenbar war mein Ruf nicht nur in den Gassen sondern auch in den Häusern der Stadt zu hören.

Ich zuckte nur wieder mit den Schultern zeigte auf das Nachbarhaus gegenüber unserer Unterkunft  sagte: “Hasans Mama”.In Chefchaouen gibt es neben den angenehmen Begegnungen mit den Einheimischen auch eine weitere Besonderheit: die Legenden auf vier Rädern. Auf einem Platz am Stadttor von Chefchaouen, „Bab El Ain“, wenn ich mich richtig erinnere, traf ich auf viele schöne Autos aus dem letzten Jahrtausend. Darunter Benz, Opel, Audi und Volkswagen, alle voll funktionsfähig und restauriert. Die Modelle stammten aus den 70er-, 80er- und 90er-Jahren. Obwohl ich kein großer Autofreund bin, habe ich ein Herz für Design und Handarbeit. Dies kann in diesen Autos wiedererkannt werden. Auch die Besitzer der Autos tragen stolz ihre restaurierten Schätze zur Schau. Wir fragten sie, warum hier so viele schöne Autos stehen – Autos bei denen es im Vorderraum noch eine durchgehende Sitzbank gibt. Die Besitzer erklärten mit Stolz, dass diese Autos größtenteils aus Deutschland stammen; vor allem Taxis die bereits 1 bis 2 Millionen Kilometer gefahren sind. Ich wiederholte die Zahl “1 Millionen Kilometer” mit großen Augen – das sind grob 22 Runden um die Erde! Mit der Abwrackprämie wurden viele Autos nach Afrika geliefert; doch viele waren aufgrund der Elektronik nicht brauchbar. Die Autos, die bis Anfang der 90er Jahre hergestellt wurden, eignen sich jedoch bestens für Reparatur und Erhaltung.

Es ist schon komisch: Deutschland als Autoland schickt seinen Schrott in arme Länder. Wir hingegen sehen hier keinen Schrott, sondern einen wirtschaftlichen Wert für Mechaniker. Nach 10 Tagen kam der Tag der Abreise. Wir fuhren über die Autobahn zurück nach Marrakesch. Die Reise mit meinem besten Freund verlief wie im Zeitraffer, rückwärts. Ich traf viele Menschen und wir erlebten viele schöne Momente. Auch Momente des Schreckens waren dabei, von denen ich einen beschrieben habe. Über alles kann ich leider nicht schreiben. Dafür ist dieses Format nicht geeignet. Jedoch möchte ich mitteilen, dass Reisen bildet und die Reise durch das „Hinterland“ von Marokko hat mich um eins bis zwei Horizonte bereichert. Kann man nicht meckern.

Und wer mehr erfahren möchte, ist eingeladen, mir eine Nachricht zu senden. Ich werde dieses Land definitiv wieder besuchen und erneut eine Geschichte schreiben. Die Bilder, die hier zu sehen sind, haben fast 10 Jahre auf dem Buckel. Das Land hat sich seitdem sehr verändert, aber im Kern, im Herzen wünsche ich mir, dass sich Marokko treu bleibt.

Bis Lama, (auf Wiedersehen)

Vielen Dank, dass Sie meinen Reisebericht bis zum Ende gelesen haben. Das war bestimmt anstrengend. Falls Sie mir ihre Meinung zu meinen Texten und Fotos zu kommen lassen möchten oder sogar einen fähigen fähigen Fotografen für ihren Reisebericht brauchen, nutzen Sie bitte das Formular unten und senden Sie mir ihre Nachricht.

Ich hoffe mein Reisebericht konnte unterhalten?

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